Forum: Parodontologie
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Thema:
Parodontotis trotz Pflege, PZR und Parodontosebehandlung
Anzahl der Beiträge: 6
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erstellt: 04.01.2026 - 21:15
Quiddje95 aus ...
Bei mir (56 Jahre, Ex-Raucherin) wurde kürzlich eine extreme Parodontotis mit Zahnfleischtaschentiefen bis zu 16 mm diagnostiziert.
Ich war 25 Jahre lang regelmäßig alle 6 Monate zur Kontrolle mit PZR, hatte weder Schmerzen, noch Zahnfleischbluten. Nach der ersten Parodontose-Behandlung vor 3 Jahren mit vermeintlichen Taschentiefen von bis zu 5 mm begannen sich nach und nach vereinzelt Zähne zu lockern und einige wanderten, sodass es zu extremen Verschiebungen kam.
In der Zahnarztpraxis arbeiteten 3 verschiedene ZÄ. Es wurden auch regelmäßig Röntgenaufnahmen erstellt, aber offenbar hat keiner erkannt, dass hier etwas nicht stimmt. Ein Kieferorthopäde, der die Fehlstellungen beurteilte, riet mir aufgrund der Zahnlockerungen zu einer erneuten Parodontose-Behandlung, was zwar auf meinen expliziten Wunsch umgesetzt wurde, aber leider auch nicht zum gewünschten Erfolg führte.
Erst als ein Implantat einen extrem wandernden Zahn ersetzen sollte und die Interimsprothese plötzlich nicht passte, verwies man mich zu einem Parodontologen.
Der widerum meinte, er hätte in über 40 Jahren einen solch extremen Fall noch nicht gesehen. Der Knochen sei zu 75% abgebaut und da ließen sich wohl kaum noch Zähne retten. Die Parodontalsondierung wurde ohne Betäubung durchgeführt und ich dachte bis dahin, dass ich noch nie zuvor solche Schmerzen gehabt habe.
Meine Krankenkasse schickte mich verständlicherweise erst mal zu einem Gutachter. Beim nächsten Termin wurden die Abformungen der beiden Kiefer für die Interimsprothese vorgenommen. Der Einsatz eines zu kleinen Löffels hat dann noch größere Schmerzen verursacht als die bei der Taschenmessung – und dann, keine 10 Minuten später, die Nachricht, dass die Abformung nichts geworden sei und nochmals wiederholt werden müsse. Das hat mich dann psychisch total umgehauen.
22 Zähne sollten insgesamt extrahiert werden. Ich machte deutlich, dass ich sehr große Angst vor dem Eingriff habe und so erhielt ich eine 7,5 mg Dormicum. Warum auch immer verspürte ich jedoch keinerlei Wirkung und hoffte nun einfach darauf, dass alles schnell vorbei gehen würde.
Fast alle Backenzähne brachen, Wurzelspitzen blieben stecken und 1,5 Stunden später war erst der OK fertig. Also einigten wir uns darauf, die Zähne des Unterkiefers an einem zweiten Termin zu extrahieren. Erst als ich nach den Kosten für eine Vollnarkose für die zweite OP fragte, brachte man in Erfahrung, dass diese bei multiplen Zahnextraktionen von der Kasse übernommen würden.
Nun habe ich das Schlimmste überstanden, aber alles in allem war das nicht nur eine Extremerfahrung, sondern mein Vertrauen zu Zahnärzten ist inzwischen auf einem absoluten Tiefstand angekommen.
Die Interimsprothese am UK verursacht noch ziemliche Schmerzen, sodass ich diese nur 4-5 Mal pro Tag für 30-45 Min. und beim Essen leider gar nicht tragen kann. An den Druckstellen haben sich mehrere kleine, helle Punkte gebildet. Übermorgen hab ich dann den nächsten Termin. Hoffentlich kann die Prothese so nachbearbeitet werden, dass ich sie wie beim OK dauerhaft tragen kann. Irgendwann muss ich ja auch mal wieder unter Menschen...
Am Belastendsten ist für mich nochimmer der Anblick im Spiegel ohne Prothese. Keine Ahnung, ob ich mich jemals daran gewöhnen werde. Aber auch die fehlende Kenntnis der Ursache macht mich fertig. Ich hab eine Stoffwechselerkrankung, bei der 30 Jahre lang Nasenpolypen so sehr wucherten, dass bei einer OP auch die Wand zur Kieferhöhle durchbrochen wurde. Aber weder die ZÄ, noch der Parodontologe wollen hier einen Zusammenhang sehen und das Nikotin alleine kann wohl kaum Ursache sein, oder doch?
erstellt: 05.01.2026 - 20:11
Guten Tag,
ich bedaure zutiefst diese unschöne Entwicklung Ihrer Erkrankung. Wieviel Schuld die beteiligten Ärzte tragen, kann ich nicht beurteilen.
Parodontitis ist ein hoch komplexes Geschehen, an dem viele Faktoren beteiligt sind. Intern sind es genetische, immunologische, internistische und hormonelle Faktoren, hinzu kommen externe Einflüsse wie Ernährung, Pflege, Suchtmittel, Stress und vieles mehr. Bis heute sind nicht alle Faktoren geklärt und werden wohl auch noch für lange Zeit nicht quantitativ einzuordnen sein. Immerhin wissen wir schon Einiges, Vieles wird erst langsam enthüllt werden. Sicher ist, dass es niemals nur eine einzige Ursache gibt, sondern immer eine ganzes Bündel. Daher kann Ihnen auf dieser Welt kein Zahnarzt eine befriedigende Antwort geben können.
Grüße
R. Roos
erstellt: 05.01.2026 - 21:59
Quiddje95 aus ...
Besten Dank für ihre Antwort, Dr. Roos.
Tatsächlich geht es mir primär gar nicht um Schuldzuweisungen. Das Kind ist sowieso bereits im Brunnen und da lässt sich ja nichts mehr kitten.
Ich hab aber trotzdem viel Fragen und versuche zu verstehen, herauszufinden und zu recherchieren, wie Prävention hätte aussehen können – denn abgesehen vom Nikotinverzicht – klärte mich ja keiner der behandelnden ZÄ darüber auf, was ich anders hätte machen können. Exakt dasselbe würde mir ja heute wieder passieren. Und das kann eigentlich nicht angehen.
Was sind diese genetischen, immunologischen, internistischen und hormonellen Faktoren, von denen sie schreiben? Wo kann ich mich darüber informieren?
- Warum weiß ich z. B. nicht, welche Faktoren auf genetische Prädisposition hinweißen?
- Muss sich meine Familie Sorgen machen?
- Wer würde mir heute erklären, wie eine entzündungshemmende Ernährung die gesunde Mundflora unterstützt?
- Welche Rolle spielt Vitamin D bei Parodontitis?
- Weshalb sind in den Leitlinien bei Therapieversagen eigentlich keine mikroskopischen Untersuchungen auf Bakterien vorgesehen?
erstellt: 06.01.2026 - 17:41
Hallo, Kllg. Dr. Roos wird ihnen vielleicht die Fragen beantworten. Ich bin der Meinung, dass Ihnen das nicht weiterhilft. Sie sollten sich an eine Behandlungsstelle wenden, die Zahnheilkunde umfassend kann. Ihr bisheriges Los teilen sie mit der überwiegenden Mehrzahl der Patienten. Der erste Lehrstuhl für Parodontologie wurde meines Wissens nach 1963 in Rostock unter Prof.. Reumuth durch OA Dr. Sponholz eingerichtet. Ich schreibe das nur weil nach einem halben Jahrhundert für viele Behandler*innen unter der Gingiva (Zahnfleisch) sich wohl eine Terra incognita befindet. Auch Tabula rasa hilft ihnen möglicherweise nicht optimal. Es gibt heute Verfahren, auch parodontal stark geschädigte Parodontien zu erhalten. In der richtigen Behandlungstätte errhalten sie auch Ernährung- und Supplementberatung.
Viel Erfolg!
Dr. Rainer Littinski
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie hier:
- Parodontologie, Parodontose, Zahnfleischrückgang, Die Erfolgsformel erscheint einfach: Keine Bakterien – keine Parodontitis.
Maßnahmen der Heilung: Um es gar nicht so weit kommen zu lassen, reicht schon gewissenhafte Mundpflege aus, verbunden mit regelmäßigen Kontrollen (Recall) und professioneller Zahnreinigung. Ist schon das Anfangsstadium der Erkrankung erreicht........
erstellt: 06.01.2026 - 21:32
Danke lieber Kollege Littinski,
es ist hier nicht möglich , ein mehrjähriges Fachstudium wiederzugeben. Ihre Fragen sind derart umfassend und komplex, dass eine Beantwortung und das Verstehen schon umfangreiches Fachwissen voraussetzt. Es gibt unterschiedlichste genetische, bakterielle und stoffwechselbedingte Einflussfaktoren, die aber niemals ein klares Ja oder Nein bedingen. Man hat z.B erkannt, dass auch bei völlig parodontal gesunden Menschen höchst aggressive Bakterienstämme leben, die aber keinerlei Unheil anrichten. Woran das liegt ist nicht sicher bestimmbar. Auch ist man davon abgekommen Antibiotika zur Behandlung einzusetzen, weil ihr Erfolg bestenfalls kurzfristig feststellbar ist. Das Gleiche gilt für Vitamine, Gentests, Nahrungsergänzung u.v.m. Das ist vergleichbar mit dem Auftreten von Krebs ohne offensichtliche Ursache.
Das Einzige , was wirklich hilft, ist gute Mundhygiene, eine regelmäßige und konsequente Überrpüfung der Zahnfleischgesundheit (incl. Röntgen!) und konsequente Behandlung bereits bei geringsten Anzeichen einer Parodontitis. Ich weiß, das klingt erbärmlich, ist aber Stand der Wissenschaft.
Grüße
R. Roos
erstellt: 08.01.2026 - 20:37
Quiddje95 aus ...
Hallo Dr. Littinski und Dr. Roos,
haben sie vielen Dank für ihre ausführlichen Antworten, die in Teilen genau das widergegeben, was mich veranlasst hat, diesen Thread zu verfassen. Denn interessanterweise waren nach meiner Wahrnehmung ja exakt und ausnahmslos eben die Bedingungen, die sie als "einzig hilfreiche" beschreiben ...
- gute Mundhygiene
- regelmäßige und konsequente Überrpüfung der Zahnfleischgesundheit
- (incl. Röntgen!)
- konsequente Behandlung bereits bei geringsten Anzeichen einer Parodontitis
... erfüllt und haben mich ja genau deshalb so fragend zurückgelassen:
- 2 x tgl. Zähne geputzt und 1 x tgl. Zahnseide
- mind. 25 Jahre regelmäßig alle 6 Monate Kontrolle mit PZR
- regelmäßige Röntgenaufnahmen
- 2 Parodontosebehandlungen in 3 Jahren
- kein Zahnfleischbluten
- keine Schmerzen
Es wird wohl für mich als Laie ohne fachliche Expertise weiterhin unverständlich bleiben, wie man ohne mikroskopische Untersuchungen terra cognita erreichen kann.
Und zu ihrer Analogie zum Auftreten von Krebs ohne offensichtliche Ursache: Stimme zu, da tatsächlich im Fragebogen bei Patienten mit Lungenkarzinom zwar gefragt wird, ob man mit Asbest in Berührung, aber nicht, wie häufig man CO2 ausgesetzt war. Aber das ist natürlich ein anderes Thema.



